Die wichtigsten neuen Funktionen von Final Cut Pro X in der Praxis

Final Cut Pro X wurde im Sommer 2011 als komplett neu programmierter Nachfolger des Schnittprogramms Final Cut Pro 7 von Apple veröffentlicht. In der Folge gab es Lob für den Fortschrittlichen Ansatz des Schnittwerkzeugs, aber auch viel Kritik, weil einige wichtige Funktionen aus der Vorgängerversion fehlten. In den folgenden drei Jahren gab es 13 updates des Programms – im Durchschnitt etwa alle drei Monate. Viele davon waren kleinere Serviceupdates, die die Stabilität verbesserten und Fehler beseitigten, doch die meisten von ihnen enthielten auch neue Funktionen.

Hier folgen nun die wichtigsten Verbesserungen, die uns in der Produktion das Leben deutlich erleichtern und die in unseren Final Cut Pro X Schulungen, Kursen und Trainings für Fortgeschrittene am häufigsten nachgefragt werden.

Medienmanagement

Mediatheken

Die Organisation von Medien und Projekten entspricht durch die Einführung von Mediatheken als übergeordnete Verpackung besser den Anforderung komplexer Produktionsprojekte. Eine Mediathek enthält beispielsweise alle Projekte eines Kunden, oder alle Folgen einer Serie. Jede einzelne Produktion beziehungsweise jede einzelne Folge wird dann in einem Ereignis abgelegt.

Verbessert hat sich auch die Verwaltung der Medien. Nun können die Clips nicht nur innerhalb des Mediathek-Pakets von FCP X verwaltet werden, sie können auch auf beliebigen Speicherorten auf externen Festplatten oder im Netzwerk abgelegt werden.

Und das beste ist: die Medien können mit einem einfachen Befehl „Mediatheksdateien zusammenlegen“ zusammengeführt werden, etwa wenn das Projekt beendet ist und bereitgemacht werden soll für das Archiv.

Mediatheken

Ereignisse

Medien in den Ereignissen zu gruppieren und nach Stichworten zu sortieren und zu Filtern war schon immer eine große Stärke von Final Cut Pro X. Für mich ist das sogar der größte Vorteil von FCP X gegenüber anderen Schnittprogrammen. Das Gruppieren ist so einfach und geht so schnell, dass man es auch tatsächlich macht. Bei Ordner-basierten Dateiablagen ist das so umständlich, dass man es meistens bei kürzeren Porjekten gar nicht erst versucht. Doch die Erkenntnisse, die Gruppieren und Kategorisieren bringen sind unbezahlbar. Beinahe immer erschliessen sich bei diesem Prozess Zusammenhänge und Erkenntnisse, die beim ersten Sichten noch nicht präsent waren. In der Konsequenz kann man dann beim tatsächlichen Schneiden sich auf die wenigen relevanten Bilder konzentrieren, die bei einzelnen Schnittentscheidungen in Frage kommen, anstatt ständig im ganzen Bildermeer nach einer bestimmten Einstellung zu suchen. Neu hinzugekommen in hier die Funktion, die Ansicht auf noch nicht verwendete Medien zu beschränken.

Unbenutzte Medien

Projekte

Projekte können nun als Snapshot dupliziert werden. Der Unterschied zum normalen duplizieren ist nur relevant, wenn das Projekt zusammengesetzte Clips enthält. Das könnte zum Beispiel eine Intro-Sequenz sein, die aus mehreren Clips und Text besteht. Zur Erinnerung: ein zusammengesetzter Clip erscheint wie ein normaler Clip bei den Medien in der Ereignisübersicht. Wenn ein zusammengesetzter Clip in mehreren Projekten verwendet wird, beziehen sich alle Verwendungen auf diese Instanz. Wenn man also beispielsweise den Text in diesem zusammengesetzen Clip verändert, ändert er sich in allen Projekten, in denen der zusammengesetzte Clip verwendet wird. Das ist auch der Fall, wenn man ein Projekt dupliziert. Wenn das Projekt aber als Schnappschuss dupliziert wird, dann wird auch der Zustand von zusammengestzten Clips eingefroren oder fixiert. Wenn man im Anschluss den zusammengesetzten Clip ändert, dann ändert er sich also auch in allen normal duplizierten Projekten, nicht aber in den als Schnappschuß duplizierten Projekten. Somit eignet sich der Schnappschuß hervorragend, um eine Momentaufnahme des Projekts zu machen, beispielsweise, um etwas auszuprobieren. Der Schnappschuss erhält automatisch das Datum und die Uhrzeit als Teil des Projektnamens und man kann mit dem ursprünglichen Projekt weiterarbeiten und experimentieren. Wenn es nicht klappt, kann man jederzeit zu der Momentaufnahme des Schnappschusses zurückkehren.

Schnappschuss

Neu ist nun auch die Möglichkeit, Projekte in frei definierbaren Pixel-Dimensionen anzulegen. In den ersten Versionen war man noch auf übliche Video-Formate festgelegt. Praktisch ist das bei der Produktion für Display-Systeme oder wenn man hochauflösende Zeitraffer-Filme aus Fotos von der Spiegelreflex-Kamera machen möchte.

Angepasste Projekteinstellungen

Schnittwerkzeuge

Die Schnittwerkzeuge sind in allen NLEs mittlerweile recht ausgereift. Innovationen sind hier selten. Dennoch kann so manche kleine Anpassung den Schnittaltag deutlich erleichtern.

Trimmen

Eine dieser Neuerungen in Final Cut ist die Möglichkeit, Clips mit einem Tastendruck vom Ende oder vom Anfang her bis zum Playhead zu trimmen (alt-ß uns alt-ü). Das ist superpraktisch beim Schneiden von Interviews. Allerhöchste Zeit ist das auch, weil bei allen anderen Schnittprogrammen gibt es das schon lange, einschließlich dem alten Final Cut Pro 7.

Trimmen

Ersetzen und Geschwindigkeit anpassen

Ebenso aus Final Cut Pro 7 bekannt, aber nicht Teil der ersten Versionen von Final Cut Pro X ist die Funktion, einen Clip durch einen anderen zu ersetzen und dabei die Länge durch Retiming anzupassen. Die Funktion heisst jetzt Ersetzen durch „per Retiming anpassen“. Dabei wird der neue Clip durch retiming (also verlangsamen oder beschleunigen) so angepasst, dass er die selbe Länge hat wie der zu ersetzende Clip. Diese Funktion hat mir schon das eine oder andere Mal aus der Patsche geholfen, und nun gibt es sie endlich auch in Final Cut Pro X.

Ersetzen durch Retiming

Clip Ball

Wer öfters mal bei hunderten von Clips die Farbe leicht modifizieren oder bei vielen Texteinblendungen kleine Änderungen vornehmen muß, weiß es zu schätzen, wenn man sich einen Mausklick sparen kann. Das kann man jetzt durch die automatische Selektion des Clips unter dem Playhead, was sichtbar ist durch einen kleinen weissen Ball in der Mitte des Clips.

Clip-Ball

Der Ball taucht auf, sobald der Playhead über einem Clip steht – sofern kein anderer Clip selektiert ist! Wenn nun beispielsweise im Inspektor die Farbtafel geöffnet ist oder der Text-Tab, dann kann man da sofort Änderungen vornehmen, die sich auf den Clip mit dem weissen Ball auswirken. Für den nächsten Clip muss man nur den Playhead verschieben kann sofort die nächste Änderung vornehmen.

Roll Audio

mit dem Trim-tool, geht erst seit 10.1, dazu muss man Audio erweitern Seit Final Cut Pro X 10.1 kann man nun mit dem Trim-Tool (T) bei erweitertem Audio auch den Schnittpunkt der Tonspur selektiv rollen. Sehr praktisch beim Erstellen von J-cuts und L-cuts, um den Schnitt dichter und kohärenter zu machen. Bei der Bildspur ging das schon seit der ersten Version.

roll-audio

Von Handlung extrahieren

Man kann ausgewählte Clips nun mit cmd-alt-Pfeilnachoben von der Handlung extrahieren und „nach oben“ schieben. Das ist sehr praktisch um das Timing anzupassen, beispielsweise bei Breakern oder anderen Einschüben rund um Interviews oder Dialog herum.

Von Handlung extrahieren

Multicam

Multicam-Schnitt gab es nicht in der ersten Version von Final Cut Pro X. Das war einer der prominentesten Kritikpunkte an dem neuen Final Cut. Das erste Update hat dies dann korrigiert, und seitdem gab es in diesem Bereich immer wieder Verbesserungen. Seit kurzem ist es nun auch möglich, in Multicam-Clips alle Audiospuren per „Audiokomponenten erweitern“ in der Timeline auszuklappen, und man kann diese dann individuell modifizieren – auch per Trimmen und Rollen. Das ist besonders hilfreich, wenn man mehrere Takes mit nur einer Kamera gedreht hat und diese als Multicam-Clip angelegt hat. Dieser „Fake“-Multicam-Schnitt kann so manche Produktion beschleunigen.

Effekte

Ken-Burns Keyframe Interpolation

Über die Qualität vieler Effekte in Final Cut Pro X kann man streiten. Sehr häufig eingesetzt wird aber der Ken-Burns-Effekt, mit dem man Fotos sehr effizient in Bewegung versetzen kann. Deshalb ist jede Verbesserung hier nur äußerst zu begrüßen. Eine solche Verbesserung gibt es jetzt. Un zwar läßt sich nun das Einsetzen der Bewegungen (Keyframe-Interpolation) einstellen. Man hat nun die Wahl zwischen „beschleunigen“, „verlangsamen“ und „linear“. Dazu muss man nur innerhalb des Viewers mit aktivierem Ken-Burns Effekt mit der rechten Maustaste das Kontext-Menü öffnen.

Ken-Burns Keyframe Interpolation

Stabilisieren: inertia cam und Stativmodus

Dass man Clips mit nur einem Mausklick stabilisieren kann ist nichts grundlegend neues in Final Cut Pro X. Allerdings gibt es jetzt zwei neue Varianten: „inertia cam“ ist in manchen Situationen besser als die automatische Anpassung, insbesondere wenn es dort zuviel Morphing und gewobble gibt. Auch neu ist der „Stativmodus“, der versucht, jegliche Bewegung im Bild zu eliminieren.

Stabilisieren

Keyframes

Die Arbeit mit Keyframes ist mit den meisten Schnittprogrammen nur eine eingeschränkte Freude. Final Cut Pro X ist da keine Ausnahme, auch wenn in den neuen Versionen nun einiges leichter geht. Eine willkommene Neuerung ist nun die Möglichkeit, Keframes gemeinsam zu verschieben, wenn man sie mit dem Range-Tool oder Shift-Click ausgewählt hat. So kann man beispielsweise schnell das Herunterpegeln der Musik wieder an die richtige Stelle schieben, wenn sich die Position eines darüberliegenden O-Tons verändert hat.

Keyframes verschieben

Und Keyframes kann man jetzt kopieren. Die Funktion dazu findet sich etwas versteckt im Menü „Bearbeiten“. Das ist sehr praktisch, beispielsweise wenn man eine bereits ausgepegelte Musik gegen eine neue ersetzen will: einfach die Keyframes kopieren, auf den neuen Clip kopieren und den alten löschen. Wichtig: die Keyframes werden an der Playhead-Position eingesetzt. Man muss also auf die richtige Position des selben achten.

Keyframes kopieren

Fazit

Mit jedem Update hat Final Cut Pro X an Performance, Stabilität und Funktionalität zugelegt. Wenngleich auch nicht jedes Tool für jede Aufgabe gleichermassen geeignet ist, so hat es sich für uns auf jedenfall gezeigt, dass sich die Investition in Zeit und Praxiserfahrung, sich auf ein so neuartiges Tool einzulassen, durchaus gelohnt hat. Der rasche update-Zyklus zeigt, dass das Werkzeug aktiv vorangetrieben wird. Wir hoffen auf viele weitere Innovationen und Detailverbesserungen und werden hier darüber berichten.

über den Autor

Oliver_Wanke_sq

Oliver Wanke berät und coached Unternehmen bei der Produktion und Steuerung von Bewegtbild-Strategien in der Unternehmenskommunikation. Er ist Produzent und Inhaber des Videoproduktionshauses acpp GmbH und doziert zu Themen rund um die Videoproduktion an einer Reihe von Schulungseinrichtungen und Hochschulen.

www.acpp.de, oliver.wanke@acpp.de

Oliver Wanke

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