Effizienter schneiden mit etablierten Postproduktions-Workflows

Effizienter schneiden mit etablierten Postproduktions-Workflows

Schneiden zehrt an den Ressourcen: schnell ist die Zeit zu knapp, und manchmal scheint der Rechner einfach zu langsam zu sein. Die Lösung bieten etablierte workflows, die Zeit sparen und unnötige Arbeiten reduzieren. Dabei ist es unerheblich, ob man nun in Adobe Premiere, Final Cut Pro, Avid, Magix oder einem anderen Schnittprogramm arbeitet.

Das Prinzip ist einfach: wir arbeiten uns vom Groben ins Feine vor. Am Anfang steht die strukturelle Arbeit, und erst zum Schluss feilen und polieren wir an dem was zum Schluss als finaler Film übrig ist.

workflow

1. Rohschnitt

Nach dem Medien importieren und Sichten beginnt mit dem Rohschnitt der erste Schritt des Filmschnitts. Zügig filettieren wir die Aufnahmen, setzen grob in- und out-Punkte und selektieren so die takes, die Teil des Films werden könnten. Wichtig ist hierbei, keine Zeit zu verlieren, indem man versucht die in- und out-Punkte genau zu setzen. Dafür gibt es zwei Gründe: erstens können wir das später viel einfacher und genauer in der Timeline machen. Und zweitens wählt man am Anfang meist viel zu viel Material aus, das wir im Laufe der nächsten Schritte wieder verwerfen werden. Die feine Tüftelei ganz am Anfang wäre also Zeitverschwendung im großen Stil.

Das Ziel des Rohschnitt ist es, die grobe Struktur des Filmes herzustellen. Das könnte bei einem Portrait am Anfang beispielsweise so aussehen: Intro mit atmosphärischen Bilder, Eröffnungsstatement, Mittelteil (noch zu definieren), Schluss.

Oft spielt der Ton (O-Ton, Interview, Statement etc) als Träger der Geschichte eine entscheidende Rolle. Schneller geht es, wenn man den Ton auf der ersten Video-/Tonspur als erstes schneidet und sich erst später um den Aufbau der zweiten Bildebene auf den darüber liegenden Spuren kümmert.

Ausserdem gibt es im Rohschnitt keine Bild- oder Tonblenden und keine Effekte auf den Clips (ausser man muss unbedingt etwas neues ausprobieren, was für die Story essentiell ist).

So fällt am Anfang das Verschieben und Umordnen leichter.

2. Feinschnitt

Sobald die Struktur des Filmes steht, beginnt der Feinschnitt. Erst jetzt kümmern wir uns um das Frame-genaue Setzen der in- und our-Punkte. Beim Ton-Schnitt geht es darum, Sätze und Teil-Sätze sauber zu schneiden, ohne Silben oder Laute anzuschneiden, es geht um das Timing zwischen Passagen, etwa um einen natürlichen Sprechrythmus zu erhalten. Prizipiell geht es hier um Timing.

Das Timing kann man nur beurteilen, wenn die Widergabe sauber und ruckelfrei abläuft. Der größte Fehler hier sind falsche Sequenz-Einstellungen oder Effekte auf den Clips, die das Schnittprogramm zum Berechnen zwingen, anstatt die Medien einfach abzuspielen. Deshalb ist die goldene Regel, keine Bildfilter und Effekte anzuwenden, bevor die Timing-Entscheidungen getroffen sind. Wer dies beherzigt, kann auf jedem halbwegs aktuellen Rechner oder Laptop problemlos schneiden. Andernfalls zwingt man den stärksten Rechner irgendwann in die Knie. Performance ist also hier eine reine workflow-Angelegenheit. RAW-Medien sind in dieser Hinsicht ein besonderes Thema und werden in einem eigenen Beitrag behandelt.

Als letzten Schritt überprüfen wir jeden einzelnen Schnitt, ob man nicht den Bild- und Ton-Schnitt voneinander trennen kann, also den Bildschnitt ein paar Frames vor oder nach dem Tonschnitt zu positionieren. Das macht die Schnitte unsichtbarer, bindet die Clips stärker zusammen und ist überdies ein kreatives Gestaltungselement. Das Rollen-Werkzeug des Schnittprogramms ist dafür das geeignete Mittel.

3. Audio-Mischung

Mittlerweile besteht die Timeline aus mehreren Audiospuren, die aufeinander abgestimmt werden müssen. Die Gasamtlautstärke muss den richtigen Pegel erreichen. Bei Produktionen für das Web kann der Gesamtpegel an die -6 bis 0dB herangehen, darf die 0 aber niemals übersteigen, sonst gibt es unschöne Verzerrungen. Bei Produktionen für das Fernsehen muss man sich streng an die Sendervorgaben halten, zb. auspegeln auf -12dB, Spitzen bis maximal -9dB. Die Vorgaben sind nicht bei allen Sendern die gleichen und müssen im Vorfeld geklärt werden.

Beim Pegeln der einzelnen Clips geht es um die richtige Mischung von z.b. O-Ton, Ambiente, Soundeffekte und gegebenenfalls Musik. Generell sollte der O-Ton deutlich dominieren und andere Geräusche eher stärker gedämpft werden, während gesprochen wird.

Die Mischung wird sich auf einem Kopfhörer anders anhören als auf einem Computer- oder externen Lautsprechern. Im Zweifel ist es meist besser, eine dominate Quelle (z.B. O-Ton) zu definieren und alle anderen Töne eher etwas leiser zu pegeln.

4. Polishing

Als letzter kreativer Schritt kommen alle Clip-Modifikationen, die rechenintensiv sind. Dazu zählen Effekte, Filter, Compositing und die Farbkorrektur. Wenn wir diese Arbeiten zu früh im workflow ansetzen, muss das Schnittsystem ständig Bilder berechnen. Das kostet Zeit und Systemresourcen. Es gibt mehrere Vorteile, wenn wir das ganz zum Schluss machen. Erstens, wir verschwenden keine Zeit mit der Bearbeitung von Clips, die letztendlich verworfen werden und nicht Teil des finalen Films sind. Zweitens stört uns in dieser Phase ein eventueller Verlust der Realtime-Wiedergbe nicht. Drittens können wir jetzt die Möglichkeiten der Schnittsoftware, mehrere Clips gleichzeitig zu bearbeiten, besser nutzen. Und viertens haben wir bis zum Schluss die Option, spezielle Modifikationen in anderen Tools wie After Effects (Compositing, Animation) oder Davinci Resolve (Farbkorrektur) zu erledigen.

5. Playout

Als letzter Schritt steht der Playout an, also das Ausspielen des Films in einem geeigneten Videoformat. In den meisten Fällen spielt man den Film einmal aus als digitaler Master in den Sequenz-Einstellungen fürs Archiv oder Weiterverarbeitung in anderen Tools und im Lieferformat. Das Lieferformat entspricht entweder Standardvorgaben zum Beispiel für das Aufspielen auf Videoportale wie Youtube oder Vimeo, oder es ist auf die Anforderungen des Empfängers abgestimmt. Man kann viel Zeit sparen, wenn Clips regelmässig in den gleichen Formaten ausgespielt, indem man sich dazu wenn möglich automatisierte workflows anlegt. Wie das mit Final Cut Pro X geht erfahren sie in dem Beitrag „Videos effizient mit Final Cut Pro X ausspielen“.

Fazit

Einen Film fertigzustellen in der disponierten Zeit und mit dem verfügbaren Equipment ist eine anspruchsvolle Herausforderung. Der richtige workflow ist einer der Schlüssel dazu.

über den Autor

Oliver Wanke berät und coached Unternehmen bei der Produktion und Steuerung von Bewegtbild-Strategien in der Unternehmenskommunikation. Er ist Produzent und Inhaber des Videoproduktionshauses acpp GmbH und doziert zu Themen rund um die Videoproduktion an einer Reihe von Schulungseinrichtungen und Hochschulen.

www.acpp.de, oliver.wanke@acpp.de

Oliver Wanke

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